Jahresthema 2013 Gottesdienst (1)

Das 3. Gebot: »Du sollst den Feiertag heiligen!«

 

Wie angekündigt, wollen wir uns in diesem Jahr mit dem Thema Gottesdienst beschäftigen. Und was läge näher als den zu fragen, der den Gottesdienst erfunden hat: Unseren himmlischen Vater persönlich, wie er zu uns spricht durch sein heiliges Wort in der Bibel.

 

EINLEITUNG:

 

Welches Gebot von den 10 Geboten kann man leicht vergessen?

Welches Gebot übertreten Pastoren am meisten? - Ein älterer, inzwischen schon pensionierter Kollege, sagte einmal auf einer Pastorentagung: Warum meint man eigentlich, dass ein Pastor auf das dritte Gebot - den Ruhetag zu heiligen - verzichten könnte. Nun gibt es ja offiziell den Montag als sog. Pastorensonntag. Die Friseusen und Gastwirte machen ja auch, zumindest oft, montags frei. Bei denen klappt das nur besser. Bei den Pastoren klingelt das Telefon montags oft am meisten und manche Beerdigungen und Sitzungen lassen sich scheinbar nur montags abhalten. Aber nicht nur Pastoren stehen in der Gefahr, das dritte Gebot zu vergessen, nein, wir alle.

Das dritte Gebot ist das einzige, das mit einer ermahnenden Erinnerung beginnt: »Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst!« oder in der Guten Nachricht, da steht es noch deutlicher: »Vergiss nicht den Tag der Ruhe; er ist ein besonderer Tag, der dem Herrn gehört.« Ich staune immer wieder über die Weisheit und Vollkommenheit des Wortes Gottes. Es steht kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig in der Bibel. Und nicht zufällig heißt es hier: Gedenke - vergiss nicht! Wir Menschen sind doch vergessliche Leute. Deshalb heißt es z.B. auch in Psalm 103: »Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.« Und so ist unser Gebot auch ein Denkzettel gegen unsere Vergesslichkeit.

2. Mose 20, 8 - 11:

8 Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. 9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. 10 Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. 11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.

 

I. WOHER DER RUHETAG KOMMT

 

1. Keine menschliche Erfindung

 

Der Ruhetag ist nicht die Erfindung eines menschenfreundlichen Mannes, der meinte, dass man sich auch ab und zu ausruhen müsse. Er ist auch keine kirchliche Sitte. Nein - er ist eine Stiftung, ein Geschenk des lebendigen Gottes. Dass der Mensch einen Ruhetag feiern soll, das gehört zu den geoffenbarten Geboten Gottes. Und wo Gottes Wort verdunkelt wird und in Vergessenheit gerät, da gerät auch die Sonntagsheiligung in Verfall. Das erleben wir ja gerade heute in unserer Gesellschaft. Darum ruft uns Gott zu: »Gedenke des Ruhetages!«. So kann man nämlich Sabbattag übersetzen. Das Wort »Sabbat« kommt von einem Tätigkeitswort, »schabath«, d.h. »ruhen«, »feiern«, »aufhören, etwas zu tun«. Die Sonntagsheiligung ist Gottes Wille. Menschliches Denken rechnet anders: »Mit 7 Arbeitstagen kommt man weiter als mit 6 Arbeitstagen.« Die Ausbeutung des Arbeiters hat noch im »christlichen« Frühkapitalismus des 19. Jahrhunderts Triumphe gefeiert. Die gesetzliche Sonntagsruhe im Interesse des Arbeitenden gibt es in Deutschland erst seit 1891. Und noch 1881 konnte Bismarck zu bedenken geben: »Man muss die Tragfähigkeit der Industrie genau prüfen, damit man dem Arbeiter nicht die Henne schlachte, die ihm goldene Eier legt. Die Sonntagsruhe bringt den Unternehmer wie den Arbeiter um ein Siebtel seines Einkommens. Ich weiß nicht, wie ein solcher Ausfall ersetzt oder getragen werden soll.« Nun, das ist Vergangenheit. Die Einsicht ist gewachsen, dass gerade um des gelingenden Arbeitsprozesses willen die Ruhe nötig ist. Unser Grundgesetz sagt: »Der Sonntag und staatlich anerkannte Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung geschützt« (Art. 140 Grundgesetz). Und in der nordrhein-westfälischen Verfassung steht noch mehr: »... werden als Tage der Gottesverehrung, der seelischen Erhebung, der körperlichen Erholung und der Arbeitsruhe anerkannt und gesetzlich geschützt« (Art. 25). Bevor wir über unsere Sonntagsgestaltung nachdenken, wollen wir uns bewusst machen:

 

2. Was der Ruhetag für Israel bedeutet

 

a) Schöpfungsablauf

 

Das Sabbatgebot wird damit begründet, dass Gott nach der Schöpfung der Welt von seinen Werken ruhte.

»Gott segnet diesen Tag nicht dazu, dass er Kraftreservoir für neue Schaffenskraft sei, sondern damit er die getane Arbeit krönend und sinngebend abschließt. Der siebte Tag ist seinem göttlichen Sinn nach nicht Neuanfang, sondern Ziel« Kurt Hennig (Theologe und Autor)

 

b) Wir leben nicht von unserer Arbeit

 

Das Gebot des Ruhetags ist zugleich ein Gebot zur Arbeit, schließlich heißt es: »Sechs Tage sollst Du arbeiten und alle deine Werke tun.« Ich will nun nicht auf die fünf Tage Woche oder gar 35 Stunden-Woche eingehen - wobei auch diese Problematik von diesem Gebot neu zu überdenken wäre. Ich möchte ganz einfach herausstellen, dass es hier heißt: »Du sollst arbeiten!« Die Bibel kennt nicht nur ein Recht auf Arbeit, sondern auch die Pflicht zur Arbeit. Die Bibel ist gegen Müßiggang und Zeitvergeudung. Sie ist dagegen, dass ein Mensch vom Schweiß des anderen lebt. Viele meinen, den Satz: »Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen«, hätten die Sozialisten geprägt. In Wirklichkeit stammt er aus der Bibel. Wir finden ihn in 2. Thessalonicher 3, 10. Ich denke, dass dieser Satz in unserer aktuellen Diskussion über »sozialen Wildwuchs« ganz neu an Gewicht gewinnt. - (Interessante Beobachtung bei einer Fernsehdiskussion unter dem Thema: »Jung, schlaff und anspruchsvoll.«) Die Bibel ist für Arbeit.

Aber der Sabbat soll mit der aufgenötigten Ruhe demonstrieren: Ihr lebt letzten Endes nicht von eurer Arbeit. IHR LEBT VON GOTTES GESCHENK.

 

c) Soziale Schutzeinrichtung

 

Der Sabbat galt schon in Israel allen sozialen Schichten: »Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.« Der Sabbat ist eine soziale Schutzeinrichtung für die abhängigen Arbeiter. Gott will keine Leuteschinderei. Der Mensch ist keine Arbeitsmaschine. Insofern ist Gott Gewerkschaftsführer.

 

3. Sabbat oder Sonntag?

Im Zusammenhang mit diesem Gebot taucht manchmal die Frage auf, wann sollen wir nun den Ruhetag halten, am Sabbat, am siebten, oder am Sonntag, am ersten Tag der Woche? »Und sie kamen zum Grabe am ersten Tage der Woche sehr früh ...«, so heißt es von den Frauen, die am Ostermorgen die ersten Zeugen des leeren Grabes des Auferstandenen wurden (Markus 16, 2). Seitdem heiligen die Christen diesen ersten Tag der Woche als den Tag ihres Herrn durch Gottesdienst und Gebet, wie zum Beispiel die Apostelgeschichte von den ersten Christengemeinden berichtet (20, 7): »Am ersten Tag der Woche aber, da wir versammelt waren, das Brot zu brechen« - also: das Abendmahl zu feiern -, »predigte ihnen Paulus ...« (vgl. dazu auch 1. Korinther 16, 2). Zusammenfassend kann man also wohl mit guter biblischer Begründung davon reden, dass der erste Tag der christlichen Woche der Sonntag ist, seit und weil Christus »am ersten Tag der Woche sehr früh« aus dem Tod auferstanden ist. Im Jahr 321 n. Chr. bestimmt der römische Kaiser Konstantin den Sonntag zum Staatsfeiertag; seither hat er sich weltweit, auch in nichtchristlichen Ländern durchgesetzt. Doch immer wieder gab es Stimmen, die den Sabbat als christlichen Feiertag forderten.

Gegenwärtig tun dies vor allem die »Siebten-Tages-Adventisten«. Nach dem NT sprechen vor allem 4 Gründe dagegen:

1. Nirgends gebietet Jesus ausdrücklich den Sabbat.

2. Unter den Regeln für die Heidenchristen in Apg.15 ist er nicht aufgeführt.

3. Wer den Sabbat als heilsnotwendig erklärt, stellt sich damit wieder unters Gesetz und verliert dadurch Christus. (Galater 4, 1-20; 5, 1-6).

4. Die klare Weisung in Kolosser 2,16-29 (vgl. auch Römer 14, 5.6): »So lasst euch von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen eines bestimmten Feiertages oder Sabbats.« Die christliche Gemeinde aus den Nationen hat zum Halten des Sabbats weder einen Auftrag noch eine Verheißung« (Bibl. Wörterbuch S. 304) Entscheidend ist nicht, wann wir den Ruhetag, ob am 6. oder 7. Tag, begehen, sondern was wir mit ihm anfangen.

 

II. WAS WIR MIT DEM RUHETAG ANFANGEN SOLLEN

 

1. »Gottes Herbergen«

Der Theologieprofessor Tholuck (1799 - 1866, Halle) sagte einmal bei Semesterschluss seinen Studenten: »Sie wandern jetzt nach Hause (damals sind die Studenten noch zu Fuß gegangen). Manche haben einen weiten Weg, vielleicht bis hinauf ins Fichtelgebirge oder bis hinunter in die Pfalz. Nun denken sie, der ganze Weg wäre eine lange, staubige Landstraße ohne einen Ruheort oder Gelegenheit zur Einkehr. Wie ermüdend wäre das! So ist das Leben ohne Sonntag. Die Sonntage sind Gottes Herbergen an der Landstraße des Lebens.« Wenn wir so den Ruhetag erfahren, dann stellen wir auch bei diesem Gebot fest, dass es nicht um ein Verbot, sondern um ein Angebot geht, das Gott uns macht.

 

2. Sonntag als Bekenntnisakt

Für Israel war die Beachtung dieses Gebotes auch ein Zeichen: »Haltet meinen Sabbat; denn er ist ein Zeichen zwischen mir und euch!«

2. Mose 31, 13 - Was für das Volk Israel durch die Geschichte hindurch ein Zeichen war, ist auch für Christen ein Zeichen, ein Bekenntnisakt.  An Deiner Sonntagsgestaltung wird erkennbar, ob Du zu Gott gehörst und wie Du zu Gott stehst. Das dritte Gebot ist mehr als eine Empfehlung. Es ist kein Freizeitangebot unter anderen, sondern genauso geoffenbarter Wille Gottes wie z.B. das sechste Gebot »du sollst nicht ehebrechen«. Nun leben wir ja in einer Zeit, wo man es manchmal selbst in der Gemeinde nicht mehr wagt, Sünde beim Namen zu nennen. Bisher war es in unseren Gemeinden Praxis, dass man Sünde nicht einfach hinnahm, sondern biblisch handelte. Aber interessanterweise oft nur bei gewissen Geboten.  Wer den Sonntag nicht heiligt, fällt schon gar nicht mehr auf. Aber Jakobus 2, 10: »Denn so jemand das ganze Gesetz hält und sündigt an einem, der ist´s ganz schuldig!«

 

3. Mein Sonntag - Sein Sonntag

 

Als die Pharisäer sich einmal bei Jesus beschwerten, dass seine Jünger am Sabbat Ähren ausrauften, gab Jesus zur Antwort: »Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen!« Markus 2, 27 f - und dann: »So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.« Dieses entscheidende Sabbatwort von Jesus Christus wird oft missverstanden, als ob hier stünde, so sei also der Mensch und nicht etwa »der Menschensohn« (!), also Jesus Christus, »ein Herr auch über den Sabbat«. Genau darum aber geht es: Wem gehört der Sonntag nun? Ist er der Tag des Menschen, weil er »um des Menschen willen gemacht« sei oder ist er der Tag des Herrn? Die Antwort der Bibel ist eindeutig: »Dies ist der Tag des Herrn«. Auch wenn er uns zur Ruhe gegeben ist, so gehört dieser Tag in besonderer Weise dem Herrn. Dieser Tag »gehört« uns eigentlich nicht im Sinne eines privaten Besitzes. Deshalb ist die volkstümliche Redensart: »Mit meinem Sonntag werde ich wenigstens noch anfangen können, was ich will!« schlicht falsch. Mit meinem Sonntag? Er gehört ja eben nicht mir, sondern er ist der Tag des Herrn. Was immer ich mit dem Sonntag auch anfange, ich muss wissen, dass ich es mit Gottes eigenem Tag tue, also mit seinem Eigentum. Darum weist auch das dritte Gebot - wie alle Gebote zurück auf das erste, das Hauptgebot: »Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben.«

Was hülfe es dem Menschen, so er die Fünftagewoche gewönne und nähme doch Schaden am lebensspendendem Segen des siebten Tages.

 

4. Sonntagsgebot und Freizeitgestaltung

 

Bei uns ist der Sonntag zugunsten des Wochenendes gesellschaftlich bedeutungslos geworden. Zum Wochenende gehört der blaue Montag, gehören die Montagsgespräche und die fehlerhafte Montagsproduktion. Was ist aus der Arbeitszeitverkürzung geworden? Heute spricht man vom »weekendstress«. Wir hetzen vom Arbeitsstress zum Freizeitstress.

Und nun müsste man hier die ganze lange Parade der Ersatzangebote für die Heiligung des Feiertages abschreiten: Die vielen modernen und meist gebührenpflichtigen Freizeitgestaltungsangebote jeglicher Preislage; die Autokilometer, die man am Wochenende »gemacht« hat; die Bundesligaspiele im Stadion oder am Fernsehschirm; die vielen kulturellen Veranstaltungen, die man sich nicht entgehen lassen darf und vieles mehr könnte man hier nennen.

Nun müssen wir nicht in eine pharisäische Gesetzlichkeit fallen, dass wir Listen erstellen, was man am Wochenende bzw. am Sonntag tun sollte oder gefälligst lassen sollte. Aber wir sollten doch angesichts dieses Gebotes unseren Lebensstil oder genauer unseren Freizeitstil überprüfen. Wo ist da noch Raum und Zeit für Gott? Wo sind da die Prioritäten? Gegen Sport, Hobby und Kultur ist nichts zu sagen. Aber wehe uns, wenn wir uns dabei in einer falsch verstandenen Freiheit der Kinder Gottes einfach über seine Gebote hinweg setzen. Und das geht heute ja bei den Kindern schon los. Wir fahren sie von einer Freizeitbeschäftigung zur anderen, von einem Training zum andern. »Irret euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten, was der Mensch sät, das wird er ernten« (Galater 6, 7). (Echte) Kinderbekehrung ist heute kaum möglich, nicht weil unsere Kinder übersättigt sind von geistlichen oder gemeindlichen Dingen, sondern vom Freizeitstress. Wie schwer tun wir uns in der Gemeinde, wenn es um einen Termin für eine Mitarbeiterbesprechung geht. Unsere Terminkalender sind voll! Fragt sich nur womit? Dass manche Gemeinde keinen Chor hat, liegt nicht an mangelnder musikalischer Begabung - im Gegenteil - sondern am Lebens- und Freizeitstil und vielleicht am leichtfertigen Umgang mit Gottes Geboten. Uns sollte auch nicht die Tatsache entgehen, dass viele Gemeindeglieder sich damit begnügen, vielleicht einmal im Monat oder noch weniger im Gottesdienst dabei zu sein. Aber es geht um mehr als nur um Gottesdienstbesuch am Sonntag. Das hat Luther schon in seiner unnachahmlichen, plastischen Sprache gesagt: »Darum sündigen wider dies Gebot nicht allein, die den Feiertag gröblich missbrauchen und verunheiligen, als die um ihres Geizes oder Leichtfertigkeit Willen Gottes Wort vernachlässigen zu hören oder in Tabernen liegen, toll und voll sind wie die Schweine, sondern auch der andere Haufen, die Gottes Wort hören als einen anderen Tand und nur aus Gewohnheit zur Predigt und wieder heraus gehen«

 

5. Rüsttag - wie stelle ich mich auf den Sonntag ein?

 

Es macht wenig Freude, dieses unerbauliche Klagelied über den entarteten Sonntag durchzusingen. Wir wollen schon gar nicht die Sonntagsgestaltung oder -verunstaltung anderer Leute anprangern, denn zuerst und besonders ist das Volk Gottes, seine Gemeinde mit den Geboten angesprochen. Deshalb sollten wir uns Gedanken machen, wie können wir den Sonntag angemessener - dem Gebot des Herrn - entsprechender gestalten. Unter der Überschrift »Der andere Sonntag der Christen« schreibt der Theologe Kurt Hennig: »Die Frage ist, wo es einen Sonntag der Christen gebe, der wie ein Leuchtturm aus der Brandung herausragt, aus den Sonntagsgepflogenheiten dieser Welt so heraussticht, dass die anderen, mehr oder weniger eingestanden, danach Verlangen und Heimweh bekommen und sich - man verzeihe das Bild! - als Menschen unserer jagenden Zeit am Schaufenster des christlichen Sonntags die Nase plattdrücken wie die Kinder am Weihnachtsschaufenster der Spielzeugläden.« Ein Blick ins Judentum kann uns zu rechter Sonntagsgestaltung helfen. Die Juden kannten den sog. »Rüsttag«, das ist nach unserer Zählung der Freitag. die Juden benützten ihn, um alles Notwendige für den Sabbat vorzubereiten (= zu rüsten!) an dem ja nicht gearbeitet werden durfte. Der Herr Jesus wurde an einem Rüsttag gekreuzigt, deshalb die Eile bei seiner Kreuzigung (Johannes 19, 31), denn mit Sonnenuntergang beginnt ja schon der Sabbat. Die Gestaltung des Samstagabends ist der Auftakt für den Sonntag. Manche gestalten den Samstag ja so, dass sie sonntags gar nicht mehr erscheinen können. Das leidige Thema der Pünktlichkeit und der notwendigen Stille bei Beginn des Gottesdienstes ist auch in diesem Zusammenhang zu sehen. Die Gestaltung des Sonntages wird im Einzelnen individuell verschieden aussehen, doch sollten drei Bereiche immer vorkommen:

 

a) Zeit für Gott

An diesem Tag, der Gott gehört, sollten wir unbedingt Zeit für ihn und sein Wort haben. Um es mit dem Katechismus Martin Luthers zu sagen: »... dass wir die Predigt und Gottes Wort nicht verachten, sondern dasselbe heilig halten, gerne hören und lernen.« Und wenn wir schon unterwegs sein müssen, dann sollten wir unterwegs Gottesdienste besuchen.

 

b) Zeit für mich

Auch wenn wir sonst nicht zu Stille kommen, sollten wir am Ruhetag doch eine Zeit für uns persönlich haben und sinnvoll gestalten.

Und wo wir als Familien zusammenleben, sollte auch Zeit für die Familie sein.

 

c) Zeit für andere

Aber ich denke, dass der Ruhetag auch kein Familientag sein sollte, der unsere Häuser und Familien zur exklusiven Gesellschaft werden lässt. Wir sollten Zeit haben für andere: ganz bewusst einladen und besuchen, eine gute Tradition in vielen Gemeinden.

Im Glaubensbekenntnis der deutschen Baptisten von 1847 heißt es in Art. 12 zu Sonntagsheiligung:

»Der Tag des Herrn soll nach dem Beispiel der ersten christlichen Kirche, als der Christen Sabbat gefeiert werden, zur Beförderung göttlicher Erkenntnis und wahrer Gottseligkeit zur herzlichen Verbindung der Glieder Christi, so wie zur Arbeit für das Reich Gottes. Wir halten darauf, dass jeder an diesem Tage die heilige Schrift häufiger lese, dass die Kinder aus derselben unterrichtet werden und dass man den Gottesdienst regelmäßig besuche.«

Eindeutig und beeindruckend: die positive Füllung gibt der Sonntagsheiligung ihren praktischen Sinn. Dann ist auch der abschließende Satz des Artikels 12 verständlich:

»Wir achten diesen Tag als eine köstliche Gabe unseres Gottes, für das Bestehen einer christlichen Gemeinde durchaus notwendig.«

Der Sonntag ist uns nicht als Gesetz auferlegt, er ist wie ein kostbares Geschenk, mit dem wir sachgemäß umgehen sollen. Eine einfache Kontrollfrage zur persönlichen Sonntagsgestaltung und Sonntagsheiligung: »War Zeit für Gott, für mich, für andere?«

 

III. WOHIN DER RUHETAG WEIST

 

1. Der Herr der Zeit

 

Wenn Sabbat so viel bedeutet wie »machen, dass etwas aufhört«, dann werden wir durch jeden Sabbat, durch jeden Ruhetag auch daran erinnert, dass alles einmal aufhört, dass alles einmal ein Ende hat. Gott ist der Herr über die Zeit. Es heißt im letzten Buch der Bibel (Offenbarung 10, 6): »Es soll hinfort keine Zeit mehr sein.« Es geht nicht immer einfach weiter wie in einem ewigen Kreislauf. Unsere Zeit ist nicht endlos, sondern endlich. Unsere Zeit ist voll Unruhe; Gottes Ziel ist voll Ruhe.

 

2. Die verheißene Gottesruhe

 

Der Ruhetag ist nicht nur Gelegenheit zum Ausruhen. Er ist auch gewissermaßen ein Wegweiser an der Straße unseres Lebens, denn er zeigt über sich hinaus.

Dieser Ruhetag weist hin auf den großen Ruhetag des Volkes Gottes. In Hebräer 4, 9 heißt es: »Es ist also noch eine Ruhe Vorhanden für das Volk Gottes.« An der vollkommenen Ruhe und dem ewigen Frieden, die seit der Vollendung der Schöpfung bei Gott im Himmel schon Wirklichkeit sind, werden Christen am Ende der Zeit Anteil erhalten.

 

3. Bei Jesus zur Ruhe kommen

 

Diese Ruhe stellt sich nicht automatisch ein. Ich hatte einmal einen Menschen zu beerdigen, über dessen Todesanzeige die Worte standen »Im Grab ist Ruh ...« Ich habe bei der Traueransprache versucht deutlich zu machen, dass die Friedhofsruhe nicht zu verwechseln ist, mit dem Frieden Gottes, den wir allein bei Jesus finden. Der Satz des Kirchenvaters Augustin bestätigt sich bis in unsere Zeit: »Unser Herz ist so lange unruhig, bis dass es ruht in dir.«

Schon heute dürfen wir bei Jesus zur Ruhe kommen, wenn wir seiner Einladung folgen: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken - ich will euch zur Ruhe bringen.« Jeder Sonntag - und gerade heute dieser Sonntag, ist eine Einladung an dich, bei Jesus zur Ruhe zu kommen. Deshalb noch einmal zum Schluss das dritte Gebot - 2. Mose 20,8-11 im Wortlaut der Guten Nachricht:

Vergiss nicht den Tag der Ruhe, er ist ein besonderer Tag, der dem Herrn gehört. Sechs Tage in der Woche hast du Zeit, um deine Arbeit zu tun. Der siebte Tag aber soll ein Ruhetag sein. An diesem Tag sollst du nicht arbeiten, auch nicht deine Kinder, deine Sklaven, dein Vieh oder der Fremde, der bei dir lebt. In sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer mit allem, was lebt geschaffen. Am siebten Tag aber ruhte er. Deshalb hat er den siebten Tag der Woche gesegnet und zu seinem Tag erklärt.                                  

Lothar Leese